Irmler & Oesterhelt - Die Gesaenge des Maldoror10-09-2019
„Er ist schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und
eines Regenschirms auf einem Seziertisch!“
So also müssen wir uns den
Leichnam des 24-Jährigen vorstellen, bevor ihn zwei Paar gleichgültiger
Hände mit einem Hau-Ruck ins Massengrab wuppen, im November 1870,
während der letzten Tage der Pariser Kommune, so berühmt und berüchtigt
wie er, wie Lautréamont, Sänger des Bösen. Ach, er hätte sich auch zum
Sänger des Guten gemacht, hätte man ihn gelassen, den Erfolglosen, den
Unerhörten, den erfolglosen Dichter, den sein Jahrhundert nicht einmal
mit Nichtachtung gestraft hat, sondern mit Nichtbeachtung. Alles! Alles
nur, um sich Gehör zu verschaffen:
„Die Hindernisse in meinem Ohr, sie
zerbarsten (...) unter dem Ansturm lärmerfüllter Luft, die sich aus mir
heraus Bahn brach. Ein neues Organ, ein neuer Sinn! Ich hatte einen
Klang gehört!“ Aber so wie man etwa ein Gesicht nur aus dem Augenwinkel
wahrnehmen mag und den Rest eines langen Lebens damit verbringt, sich an
dieses Gesicht zu erinnern, so ist es dieser neue Klang, der
Lautréamont sein kurzes Leben lang umgetrieben hat. Sein Verleger, der
nichtsnutzige Léon Genonceaux, behauptet, Lautréamont habe „nur des
Nachts an seinem Klavier“ geschrieben, „wo er laut deklamierte, wild in
die Tasten schlug und zu den Klängen immer neue Verse heraus hämmerte.“
Was hat es da zu hören gegeben? Rhythmen einer Fiebernacht, geträumt als
kleines Kind in Montevideo? Die Trommeln für ferne, missverstandene
Dreiachtelgötter, geschändete, entwurzelte, entführte Dämonen? Schreie
und Flüstern in einer Stadt im permanenten Belagerungszustand, einer
Stadt, die den Tod lebt? Ein Vorgriff auf die eigenen letzten Stunden?
Ein Klang, für den man immer und immer wieder nur einen Näherungswert
findet, aber keine Deckungsgleichheit? Ein paar Jahre später nur werden
sich die ersten Wörter einer Maschine entringen, „Mary had a little
lamb“, ein Kinderreim, Worte der Unschuld.
Die alten Götter werden neu
geboren; es wird noch dauern, bis sie wieder brüllen und toben und
schreien wie einst in Montevideo, in Paris. Mary had a little lamb. Doch
das Lamm wird zur gegebenen Zeit vom Haifischweibchen zerfetzt. Und was
erst wird Mary geschehen? Lautréamont versuchte, ein Lied davon singen
und es fehlten ihm nicht die Worte, wohl aber die Musik. Diese Musik,
eine Musik, stellen Carl Oesterhelt und Hans Joachim Irmler jetzt den
„Gesängen des Maldoror“ bei, ein kühn behauptetes 19. Jahrhundert,
verwüstet durch das Wissen um das 20. Jahrhundert. Schön wie das
zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch.